Für Reus war es nicht das erste und längst nicht das letzte Pressegespräch an diesem Abend, nach dem 3:1-Sieg gegen den Rekordmeister war der 22-Jährige neben Patrick Herrmann bei Beckmann, Kerner und Co. der gefragteste Mann. Auf den ersten Blick verwundert diese Spieler-Auswahl nicht. Schließlich hatte Reus in den 90 Minuten zuvor alle Spekulationen, dass ihn sein in der Winterpause angekündigter Wechsel von Mönchengladbach nach Dortmund für die Rückrunde hemmen könnte, beiseite gewischt. Borussias Nummer 11 nutzte zunächst in der elften Minute einen missglückten Abschlag von Bayern-Keeper Manuel Neuer per Direktschuss zum 1:0 ins leere Tor und bereitete in der 71. Minute mit einem perfekt getimten Ball das 3:0 vor. Und Herrmann war es, der Neuer vor dem ersten Gladbacher Tor entscheidend stören konnte und später cool zum 2:0 und fast noch cooler zum 3:0 einschieben konnte.
Jedoch war Borussias erster Heimsieg gegen die Bayern seit dem 30. Oktober 2004 wie immer auch ein Erfolg zahlreicher „Unsung Heroes“, unbesungener Helden also, wie es im US-Sport so schön heißt. Marc-André ter Stegen etwa, der beim Stand von 1:0 einen Kopfball von Mario Gomez so gerade noch um den Pfosten lenken konnte. „Ich weiß nicht, wie wir auf ein 1:1 hätten reagieren können“, so Trainer Lucien Favre nach dem Spiel. Oder Martin Stranzl, der in einer etwas hektischer werdenden Schlussphase beim Stand von 3:1 den Ball in allerhöchster Not aus zwei Metern noch über das eigene Tor dreschen konnte. Oder sein Kollege in der Innenverteidigung, Roel Brouwers, der für den gesperrten Dante ins Team rückte und eine tadellose Partie ablieferte. Selbiges gilt sowohl für die beiden Außenverteidiger Filip Daems und Tony Jantschke, aber auch für Havard Nordtveit und Roman Neustädter. Die beiden defensiven Mittelfeldspieler beeindruckten nicht nur ARD-Experte Mehmet Scholl durch immense Laufarbeit: „Auch an den beiden hat man gesehen, dass Borussias Leistung kein Wunder ist, sondern dass dahinter brutale Disziplin steckt.“
So gut wie keine Lücken gelassen
Favre stimmte dem zu. Zwar war Borussias Coach der Meinung, dass seine Mannschaft zu viele Ballverluste hatte, von der reinen Defensivleistung war der Schweizer aber sehr angetan: „Meine Mannschaft hat sehr gut verteidigt und gegen die Bayern, was sehr schwierig ist, so gut wie keine Lücken gelassen. Wenn man gegen eine Mannschaft wie die Bayern nur einen Moment vergisst, intelligent zu verteidigen, verliert man die Orientierung.“ Und so war es in der ersten Halbzeit abgesehen vom erwähnten Gomez-Kopfball nur ein Distanzschuss von Tymoshchuk, der Borussia vor leichte Probleme stellte. Der VfL hatte selbst zwar auch nicht viel mehr Torchancen, wusste diese aber besser zu nutzen. Favre: „Bei der Entstehung des 1:0 haben wir richtig Druck gemacht und den Fehler provoziert – das war kein Zufall. Und das 2:0 war ein Super-Konter, es wurde sehr schnell und flach gespielt.“ Juan Arango hatte Arjen Robben den Ball abgeluchst schnell auf Mike Hanke weiter geleitet, der wiederum den Torschützen Patrick Herrmann mit einem diagonalen Flachpass mustergültig in Szene setzte (41.).
Dass jedoch ein 2:0-Halbzeitstand gegen die Bayern kein Ruhekissen ist, wusste Favre, der seine Mannschaft in der Kabine einschwor: „Wir müssen genauso weiter verteidigen, aber auch versuchen, das 3:0 zu machen.“ Die Abwehr stand auch weiterhin, und der vom Trainer geforderte dritte Treffer fiel dann auch – in der 71. Minute. Juan Arango schickte Marco Reus steil, der wartete auf den perfekten Moment, um den Ball zwischen zwei Bayern-Verteidiger hindurch zu Herrmann zu stecken, der wiederum Neuer umkurvte und einschob. „Es war wichtig, heute nicht zu verlieren“, so Favre. „Gegen Bayern sogar zu gewinnen, war perfekt.“ Auch nach dem 3:1-Anschlusstreffer durch Bastian Schweinsteiger „ist meine Mannschaft ruhig geblieben“, bemerkte Favre. „Wir mussten definitiv eine Topleistung bringen, sonst hätten wir gegen die Bayern keine Chance gehabt. Beim heutigen Auslaufen der Stammspieler blieben Roel Brouwers, Juan Arango und Mike Hanke mit leichten Blessuren zur Behandlung drinnen, während die Ersatzspieler ein Trainingsspiel gegen die U23 bestritten.
Borussia ist wie schon in der Hinrunde mit einem Sieg gegen die Bayern in die Halbserie gestartet, in der Tabelle belegt die Mannschaft vor den Samstagsspielen mit 36 Punkten Platz 2 – nur einen Platz und Punkt hinter den Bayern. Dortmund (gegen 1899 Hoffenheim) und Schalke (in Köln) haben zwei Punkte weniger, können aber jeweils mit Siegen am VfL vorbeiziehen. Das aber ändert nichts am glänzenden Rückrunden-Auftakt, den Lucien Favre „erst einmal genießen“ will, bevor es mit der Vorbereitung auf das schwere Auswärtsspiel nächste Woche Sonntag in Stuttgart weiter geht. Für den Trainer beginnt diese Vorbereitung sicherlich schon dieses Wochenende, die Mannschaft hingegen genießt zwei freie Tage, ehe am Dienstag die neue Trainingswoche startet.
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